Histoires Continentales
Geschichte Politik Ukraine

«Mein zweiter Krieg…»: Augenzeugen des Zweiten Weltkriegs erleben den Donbass-Konflikt (2014–2020)

Der bewaff­ne­te Konflikt im Donbass führt zu zahl­rei­chen Interpretationen durch Personen, die man als gemein­hin als Experten aner­kennt – Politologen, Soziologinnen, Historiker, Militärangehörige und Journalistinnen äus­sern sich dazu. Zugleich blei­ben oft die­je­ni­gen aus­ser­halb des Blickfelds, für die die aktu­el­len Geschehnisse bereits der zwei­te Krieg sind: die Zeuginnen und Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs.

Materialien aus mehr als vier­zig Oral History-Interviews gewäh­ren einen Einblick in ihr Verhältnis zu den Geschehnissen seit 2014; dies auch im Hinblick auf den frü­he­ren Krieg und ihre Überlebensstrategien. Der Autor die­ses Artikels führ­te jene Interviews zwi­schen 2014 und 2019 und begab sich dafür sowohl in Separatistengebiete, als auch in Gebiete, die unter der Kontrolle der ukrai­ni­schen Regierung ste­hen.

Die Interviews stel­len auto­bio­gra­phi­sche Narrative der Interviewpartner dar und set­zen einen Akzent auf die Erlebnisse aus den zwei über­leb­ten Kriegen. Die Interviews wur­den in einer offe­nen Form durch­ge­führt. So hat­ten die Gesprächspartner maxi­ma­len Freiraum, wenn sie Ereignisse in Abfolgen ord­ne­ten und inhalt­li­che Akzente in ihrer Erzählung setz­ten.

«Es war schrecklich…»: die Erfahrung eines zweiten Krieges

Das auto­bio­gra­phi­sche Narrativ ist kein Dokument, das Ereignisse lei­den­schafts­los fest­hält. Es über­mit­telt die Gedanken und Bedeutungen, die die erzäh­len­de Person dem Geschehenen gibt. Deshalb fan­den in den Interviews Ereignisse Ausdruck, die die Interviewpartner in unmit­tel­ba­re Lebensgefahr brach­ten: «Ich war zu Hause… Als es los­ging. Das Fenster zer­split­ter­te, ein Splitter des Geschosses ging dort­hin, ein ande­rer in den Fensterrahmen. Ich war völ­lig mit zer­split­ter­tem Glas bedeckt. Ringsherum brennt es, ein Schrei erschallt… Vier Personen sind damals in der Nähe umge­kom­men…». Bei den Interviewpartnern rief die direk­te Gefährdung von Kindern beson­ders star­ke emo­tio­na­le Reaktionen hervor:«Als sie uns im ver­gan­ge­nen Jahr beschos­sen, fie­len sie [die Geschosse, F.F.] mei­nem Sohn ins Haus, die Wand war zer­schla­gen, alle Fenster flo­gen raus, mei­ne Enkelin sass auf dem Sofa. Aber gut, dass die­se Splitter direkt in die Mitte des Wohnzimmers fie­len, zum Mädchen gelang­ten sie nicht, sie weint, schreit» [Interviewpartnerin weint, D.T.].

Manche Interviewpartner rekon­stru­ier­ten ihre aktu­el­le Kriegserfahrung durch das Prisma des durch­leb­ten Kriegs der Jahre 1941–1945 und füh­ren histo­ri­sche Parallelen und Assoziationen zwi­schen den bei­den Kriegen an.

Gebäude des Regionalmuseums der Donetzker Oblast nach Artilleriebeschuss, August 2014

«Im Jahr 2014 dach­te ich zum ersten Mal, dass dies mein Ende ist. Geschosse explo­die­ren unter dem Fenster, das Haus zit­tert. Alle unse­re Fenster wur­den zer­schla­gen! Aber die­ser Krieg war schreck­li­cher [der Zweite Weltkrieg, D.T.]. Weil die Flugzeuge flo­gen. Hier gibt es wenig­stens kei­ne Flugzeuge…»

Die Ereignisse der letz­ten Jahre erneu­er­ten bei vie­len die vor mehr als sieb­zig Jahren durch­leb­ten Schrecken des Krieges: «… Ich erin­ne­re mich an die­sen Krieg, die Explosionen der deut­schen Granaten in unse­rem Hof, wo wir mit Mutter leb­ten. Und in die­sem Krieg sass ich mit mei­ner Frau auf einer Schuhbank, als der Beschuss begann. Wir erwar­te­ten, dass im näch­sten Augenblick irgend­wo näher bei uns etwas ein­schlägt. Auf unser Haus fiel eben­falls eine Granate…»

Wer ist schuld?

Das Leben unter den Bedingungen unun­ter­bro­che­ner Kampfhandlungen hat sich gra­vie­rend auf die gesell­schaft­lich-poli­ti­sche Stimmung in der Bevölkerung des Donbass aus­ge­wirkt; so auch auf die Angehörigen der Kriegsgeneration. Die Frage nach den Wurzeln jener Probleme, mit denen die ukrai­ni­sche Gesellschaft heu­te kon­fron­tiert ist, ist ein fester Bestandteil der Reflexion der Interviewpartner. Für einen Teil der Gesprächspartner – Personen, deren poli­ti­sche Sozialisierung zu Sowjetzeiten erfolg­te – liegt der Hauptgrund der heu­ti­gen Ereignisse im Zerfall der UdSSR.

In den Augen einer Mehrheit der Befragten sind die heu­ti­gen Geschehnisse kei­ne Folge äus­se­rer, son­dern ein­deu­tig innen­po­li­ti­scher Faktoren, die nach 1991 als Folge eigen­nüt­zi­ger und pro­vo­kan­ter Handlungen von Politikern ent­stan­den: «… Das wäre nie pas­siert, es gäbe eine voll­stän­dig gan­ze Ukraine, wenn die poli­ti­schen Akteure dies nicht ange­heizt hät­ten. Ihr habt die Leute gegen­ein­an­der auf­ge­hetzt. Stehlt nicht, labert nicht her­um, löst eure Wahlkampfversprechen ein – und alles wäre in Ordnung…».

Gemäss der Meinung der Gesprächspartner lie­gen die ent­schei­den­den Faktoren, die zum Krieg führ­ten, in wirt­schaft­li­chen Interessenkonflikten der Initiatoren des Konflikts: «Ist es nicht klar, dass ein Häufchen Leute beab­sich­tig­te, Millionen anzu­häu­fen. Und auf die Leute spucken sie – wie­vie­le erschies­sen sie – Tausende, Millionen. Das ist alles, das ist das gan­ze Geheimnis die­ses Krieges. Der Krieg ist ihnen nütz­lich…», «das sind Banditen-Clans, die sich das Geschäft tei­len», «die Reichen. Geld hat [den Krieg] ange­fan­gen.»

Die Resultate der Interviews zei­gen die Tendenz, die Verantwortung für die Situation im Wesentlichen beim offi­zi­el­len Kiew und beim poli­ti­schen Führungspersonal der Ukraine zu sehen, das nach den Majdanprotesten im Jahr 2014 an die Macht kam, sowie bei den Staaten des Westens, die die Proteste in Kiew unter­stütz­ten, allen vor­an bei den USA.

Bei einem Teil der Interviewpartner (vor allem bei den Personen, die sich auf ukrai­nisch kon­trol­lier­tem Gebiet befin­den und bei sol­chen, deren Kinder gezwun­gen waren, wegen des Kriegs oder wegen Arbeitslosigkeit die Gebiete der Donezker und Lugansker «Volksrepubliken» zu ver­las­sen) besteht die Deutung, dass die ande­re Seite (Russland) und, per­sön­lich, Präsident Putin für die Eskalation des Donbasskonflikts ver­ant­wort­lich ist.

Krieg gegen die eigenen Fremden

Die Zeuginnen und Zeugen des Zweiten Weltkriegs nei­gen dazu, den gegen­wär­ti­gen Konflikt als Bürgerkrieg anzu­se­hen. Dieses Verständnis ist auch in den Gebieten des Donbass ver­brei­tet, die von der ukrai­ni­schen Regierung kon­trol­liert wer­den.

Die Deutung des Konflikts als Bürgerkrieg lässt sich vor allem damit erklä­ren, dass unter den Opfern auf bei­den Seiten ukrai­ni­sche Bürger über­wie­gen. Auch die Traditionen des Multikulturalismus und der eth­ni­schen Vielfalt, die für den Osten der Ukraine und ins­be­son­de­re für das Donbass cha­rak­te­ri­stisch sind, sind für die Deutung des Kriegs als Bürgerkrieg zen­tral.

Elemente sowje­ti­scher Identität spie­len eben­falls eine Rolle. Sie grün­de­te auf sozia­len, nicht aber auf eth­ni­schen Faktoren. Auch die Erinnerung an den Staat, den sie als ihre Heimat begrif­fen, ist rele­vant: Die Erinnerung an die UdSSR.

Auf die Frage, ob man die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs mit den­je­ni­gen seit 2014 ver­glei­chen kön­ne, ant­wor­te­ten die Gesprächspartner zumeist ver­nei­nend. Sie stütz­ten sich dabei auf die These, dass dies ein Krieg zwi­schen «den Eigenen» ist: «Mir scheint, dass dies ein unver­ständ­li­cher Krieg ist. Wofür füh­ren sie Krieg? Es ist unver­ständ­lich – die Unsrigen schies­sen auf die Unsrigen», «der Unsrige auf den Unsrigen! Sie haben auf­ge­hetzt, und nun, wie soll man dies ver­ste­hen?», «dies waren die Feinde [gemeint ist die Situation im Zweiten Weltkrieg], aber dies ist Brudermord, nicht mehr. Der Unsrige schlägt den Unsrigen.»

Die Frage nach poli­ti­schen Sympathien und Antipathien führ­te zu einer tie­fen Spaltung zwi­schen den Einwohnern des Donbass, zwi­schen Arbeitskollegen, Nachbarinnen, oft auch zwi­schen Mitgliedern ein und der­sel­ben Familie. Die Beziehung zu Verwandten aus ande­ren Regionen der Ukraine oder Russlands ist oft von einem hohen Mass an Anspannung und Abneigung geprägt.

Grund für die­se Konfliktsituationen waren vor allem die Etablierung von Stereotypen durch Massenmedien sowie die ein­fa­che Tatsache, dass die Verwandten auf «feind­li­chem» Gebiet leb­ten so stig­ma­ti­siert wur­den.

Erinnerungskrieg

Die Ereignisse der letz­ten Jahre im Donbass hat­ten nicht nur ver­hee­ren­de Auswirkungen auf das System der gut eta­blier­ten sozia­len Bindungen. Sie haben auch histo­ri­sche Mythen erneu­ert und die Geschichte instru­men­ta­li­siert. Eine Besonderheit der münd­li­chen Berichte, unge­ach­tet von Zeit und Ort der Interviews, ist die all­ge­mein nega­ti­ve Haltung gegen­über der moder­nen Geschichtspolitik der ukrai­ni­schen Regierung. Dies gilt ins­be­son­de­re im Zusammenhang mit den soge­nann­ten Entkommunisierungsgesetzen, die im April 2015 ver­ab­schie­det wur­den und von Anfang an die Kritik vie­ler ukrai­ni­scher und aus­län­di­scher Juristen, Historikerinnen und Politologen her­vor­rie­fen.

Die Mehrheit der Gesprächspartner emp­fin­det die Geschichtspolitik als stark nega­tiv. Die ukrai­ni­sche Geschichtspolitik geht ein­her mit der mas­sen­haf­ten Umbenennung von Ortsnamen, dem Abriss sowje­ti­scher Denkmäler, mit Ethnozentrismus sowie der Verherrlichung umstrit­te­ner Figuren der ukrai­ni­schen Geschichte, ein­schliess­lich derer, die in Nazi-Verbrechen und eth­ni­sche Säuberungen in der Ukraine ver­wickelt waren. Die Befragten betrach­ten sol­che Aktionen als Einmischung des Staates in ihre Privatsphäre, die mit einer Erinnerung an die sowje­ti­sche Vergangenheit ver­bun­den ist. Diese ist zwar zwei­deu­tig, aber von meist posi­ti­ven Konnotationen geprägt, in wel­chen das Donbass als Erfolgsgeschichte des „sozia­li­sti­schen Aufbaus“ galt. Die These einer „Wiederbelebung des Faschismus“ durch die poli­ti­schen Kräfte an der Macht in der Ukraine ist bei den Gesprächspartnern ver­brei­tet. Die sepa­ra­ti­sti­schen und rus­si­schen Massenmedien tru­gen in hohem Masse zur Herausbildung die­ser Wahrnehmung bei.

Wir sind verlassene Menschen...“: Sozial- und Alterssicherung

Die Haltung gegen­über den Kriegsparteien hing weit­ge­hend von der Fähigkeit und Bereitschaft der ukrai­ni­schen Machthaber und jener im Donbass ab, die Verantwortung für den Unterhalt der zahl­rei­chen auf dem Gebiet der „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk ver­blie­be­nen Rentner zu über­neh­men. Unter ihnen war ein bedeu­ten­der Teil Zeugen des Zweiten Weltkriegs. Nach den Anweisungen der ukrai­ni­schen Behörden wur­de die im Sommer 2014 ein­ge­stell­te Rentenzahlung nur für die­je­ni­gen wie­der auf­ge­nom­men, die das unkon­trol­lier­te Gebiet ver­las­sen, sich am neu­en Wohnort neu ange­mel­det hat­ten und tat­säch­lich dort leb­ten.

Diese Situation führ­te zum Aufkommen des Phänomens des „Rententourismus“. Im Wesentlichen ging es dar­um, dass Rentner aus Gebieten, die unter der Kontrolle der Separatisten waren, in jene Gebiete gin­gen, die unter der Kontrolle der ukrai­ni­schen Behörden stan­den. Sie wur­den bei Verwandten oder Bekannten als Umsiedler regi­striert und konn­ten erst dann Rentenansprüche gel­tend machen. Ihr eigent­li­cher Wohnort blieb aber unkon­trol­lier­tes Territorium, was sie vor den ukrai­ni­schen Behörden zu ver­ber­gen ver­such­ten. Um die Rentenzahlungen zu ermit­teln und auf­recht­zu­er­hal­ten, muss­ten die Rentner alle zwei Monate die Demarkationslinie über­que­ren, andern­falls wur­de die Rentenzahlung ein­ge­stellt. Unter den herr­schen­den Kriegsbedingungen, ange­sichts von Artilleriebeschuss, ver­min­ten Strassenrändern, Unwettern, stun­den­lan­gen künst­li­chen Warteschlangen und Korruption an den ukrai­ni­schen und sepa­ra­ti­sti­schen Kontrollpunkten, ange­sichts demü­ti­gen­der Durchsuchungen, einer manch­mal ver­ächt­li­chen und gro­ben Haltung von Grenzern und Zöllnern wur­den die­se Reisen zu einer schwie­ri­gen und lebens­be­droh­li­chen Herausforderung für Rentnerinnen und Rentner. Laut spo­ra­di­scher Medienberichte und aus per­sön­li­chen Beobachtungen geht her­vor, dass in den Jahren 2014 bis 2020 meh­re­re hun­dert Menschen an ukrai­ni­schen und sepa­ra­ti­sti­schen Kontrollpunkten an den Folgen plötz­li­cher Krankheitsschübe (vor allem Schlaganfälle und Herzinfarkte) und an den Folgen von Minenverletzungen star­ben, als sie die Grenzlinie über­quer­ten oder ver­such­ten, die Kontrollpunkte zu pas­sie­ren. Die mei­sten von ihnen waren älte­re Menschen.

Transport eines Sarges über die Grenzlinie zum Separatistengebiet im Donbass, Juni 2020.

In die­ser Situation muss­te ein beträcht­li­cher Teil der Rentner auf dem Territorium der selbst­er­nann­ten Republiken in loka­le Sozialversicherungseinrichtungen regi­striert wer­den. Im Frühjahr 2015, als die Rentner des Donbass bereits seit sie­ben bis acht Monaten kei­ne ukrai­ni­schen Renten mehr erhiel­ten, began­nen sie, ihnen Sozialhilfe aus­zu­zah­len. Diese Situation ist einer der Schlüssselfaktoren dafür, dass in den Augen der Rentner die „Volksrepubliken“ legi­tim erschei­nen und gleich­zei­tig für die Diskreditierung der ukrai­ni­schen Staatsmacht.

Eine Reihe von Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus 2020 ist zu einem wich­ti­gen Test für die Rentner gewor­den. Seit dem 16. März haben die ukrai­ni­schen Behörden, und seit dem 21. März die sepa­ra­ti­sti­schen, den zivi­len Verkehr über die Demarkationslinie voll­stän­dig gestoppt, um „die Ausbreitung der Krankheit COVID-19 zu ver­hin­dern“. Einzelne Ausnahmen waren nur auf­grund „beson­de­rer huma­ni­tä­rer Umstände“ mit per­sön­li­cher Genehmigung des Militärkommandos mög­lich. Es wur­de jedoch kein effek­ti­ver Mechanismus zur Umsetzung die­ser Entscheidung ent­wickelt. Dies führ­te zu einem nahe­zu voll­stän­di­gen Abbruch der Kommunikation inner­halb des vom Krieg geteil­ten Donbass und zu zahl­rei­chen Tragödien für Mitglieder der­sel­ben Familien, die sich auf ver­schie­de­nen Seiten der Demarkationslinie befan­den. Diese Situation ver­ur­sacht gros­se Besorgnis bei einer Reihe von Menschenrechtsorganisationen, die dar­in eine gro­be Verletzung der Menschenrechte sehen. Sie for­dern die ukrai­ni­sche und die sepa­ra­ti­sti­sche Seite auf, die Kommunikationsblockade auf­zu­he­ben. Vorläufig bleibt die Situation jedoch unver­än­dert.

«Sterben auf eigenem Boden»

Es ist eine berech­tig­te Frage, was älte­re Menschen dazu bringt, in unmit­tel­ba­rer Nähe des Kriegsgebiets zu blei­ben und nicht an einen siche­re­ren Ort zu zie­hen. Die Analyse der durch­ge­führ­ten Interviews erlaubt es, je nach Art des Arguments fol­gen­de Erklärungen abzu­lei­ten: die Schwierigkeit oder Unfähigkeit, sich im Alter an einem neu­en Ort anzu­pas­sen; die Furcht vor Stigmatisierung und Diskriminierung auf­grund des Geburts- oder Wohnortes vor dem Krieg; der Unglaube an die Fähigkeit des ukrai­ni­schen Staates, mehr oder weni­ger akzep­ta­ble Wohnverhältnisse an einem neu­en Ort zu schaf­fen, und gleich­zei­tig die Furcht vor dem Verlust des wäh­rend der Sowjetzeit erwor­be­nen Eigentums oder der Wohnung; das Fehlen von Verwandten an dem ande­ren, siche­re­ren Ort und gleich­zei­tig die Anwesenheit von Verwandten, eines gewis­sen sozia­len Umfelds am Wohnort des Befragten wäh­rend der Befragung; Unwilligkeit, das „klei­ne Mutterland“ zu ver­las­sen, ins­be­son­de­re wenn es um Orte geht, an denen Verwandte und Freunde begra­ben sind.

Die tra­gi­schen Ereignisse der letz­ten Jahre haben die Werteskala und die Prioritäten der Menschen, die unter den Bedingungen von Kampfeinsätzen leben, erheb­lich ver­än­dert. Die von fast allen Befragten geäus­ser­te Erwartung jedoch „... nur nicht erschos­sen zu wer­den. Und mehr ist nicht nötig...“ bleibt die gröss­te Hoffnung für die Menschen, die unter den jet­zi­gen Bedingungen des Krieges im Donbass leben. Und ins­be­son­de­re die­je­ni­gen, die alle Schrecken des Zweiten Weltkriegs über­lebt haben, träu­men immer noch davon, ihr schwe­res Leben vol­ler tra­gi­scher Prüfungen im 20. Jahrhundert unter einem fried­li­chen Himmel zu ver­brin­gen.

Es liegt auf der Hand, dass die Folgen des Kriegstraumas, des­sen Schwere in erster Linie durch die Dauer der Feindseligkeiten im Donbass bestimmt wird, für die loka­le Bevölkerung noch sehr lan­ge spür­bar sein wer­den. Es ist sehr wahr­schein­lich, dass der Krieg und die tra­gi­schen Erfahrungen, die seit 2014 gemacht wur­den, zu einem Schlüsselfaktor für die Herausbildung einer beson­de­ren „Donbass-Identität“ für mehr als 6,5 Millionen Menschen sein wer­den. Den Nährboden für deren Entstehung wird, neben ande­ren Faktoren, das Bild von Zeugen des Zweiten Weltkriegs bil­den, die einen wei­te­ren Krieg im Donbass (nicht) über­le­ben konn­ten.

Über den Autor

Dmytro Tytarenko wur­de 1976 in Donezk gebo­ren. Er ist Doktor der Geschichte und Professor am Donezker Juristischen Institut, das auf­grund des Krieges im Donbass nach Kryvyi Rih ver­legt wur­de. Seine Forschungsinteressen sind die Geschichte der Ukraine zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, Oral History sowie die sozia­le und poli­ti­sche Geschichte des Donbass 2014–2020.

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Übersetzung aus dem Russischen: Philipp Casula und Felix Frey

Titelbild: Straussniederlegung am Denkmal für die Befreier des Donbass, Mai 2015.