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Historisch verknüpft – Russlands Blick auf Afghanistan

Moskauer Strategen mel­de­ten sich im Dezember 2016 mit dem Paukenschlag einer ‚Friedenskonferenz´ aus dem diplo­ma­ti­schen Dornröschenschlaf zurück – über eine lan­ge Zeit waren es die lei­sen Töne, wel­che die rus­si­sche Aussenpolitik zu den Geschehnissen in Afghanistan präg­ten. Die Initiative ziel­te auf eine Neuauflage der im Wortlaut bekann­ten ‚Politik der natio­na­len Versöhnung´, als Vermittlung zwi­schen der Regierung in Kabul sowie den Taliban. Russland will mit­ge­stal­ten, sta­bi­li­sie­ren und setzt dabei auf Erfahrungen und Mittel der Vergangenheit.

Der gesam­te ehe­ma­li­ge Ostblock, vie­le Staaten des Balkans sowie eine Vielzahl ehe­ma­li­ger Sowjetrepubliken betei­lig­ten sich aktiv an der unter NATO-Führung voll­zo­ge­nen ISAF-Mission zwi­schen 2001 und 2014 im Kampf gegen die Taliban – Russland aber nicht, was es zunächst als einen vor­der­grün­dig neu­tra­len Vermittler ins Spiel hät­te brin­gen kön­nen. Russland trug den­noch die UN-Resolution 1368, wel­che das Recht auf indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Selbstverteidigung auch nach Terrorangriffen legi­ti­mier­te mit und unter­stüt­ze vor dem Hintergrund der eige­nen „Anti-Terror“-Kampagne in Tschetschenien die west­li­che Mission in Afghanistan. Transportkorridore und eine koor­di­nier­te Anti-Drogen-Politik bil­de­ten die Grundpfeiler des rus­si­schen Engagements 2008–2014.

In der Provinz Kapisa sichert ein mobi­ler Kontrollposten der US-Armee eine soge­nann­te Grüne Zone an den Ausläufern des Hindukusch.

Afghanistan wur­de durch den west­li­chen Einsatz und mit pas­si­ver Beteiligung Russlands ab 2001 zum Aufmarschgebiet inter­na­tio­na­ler Truppen und zum Schauplatz eines bis heu­te andau­ern­den Konfliktes. Offiziellen US-Angaben zufol­ge waren im März 2018 rund 14,5 Prozent des afgha­ni­schen Staatsterritoriums unter Kontrolle der Opposition, wei­te­re 30 Prozent gal­ten als umstrit­ten. Nur 73 der 407 afgha­ni­schen Bezirke waren unter voll­stän­di­gem Einfluss der Zentralregierung in Kabul, 156 Bezirke stün­den unter staat­li­cher Einwirkung. In der Summe durf­ten die­se Zahlen die Moskauer Führung nicht beru­hi­gen, erin­ner­ten sie doch stark an die Situation zu Beginn und zum Ende des sowje­tisch-afgha­ni­schen Konfliktes. Aktuell schwin­det der Einfluss der USA, die Diskussion um eine wei­te­re Reduzierung der US-ame­ri­ka­ni­schen Truppen steht pro­mi­nent im Raum. Der Kreml ver­such­te dar­auf­hin ver­lo­re­nes Terrain wie­der­zu­ge­win­nen und setz­te Impulse, ein erneu­tes Machtvakuum an der Südflanke des rus­si­schen Einflussbereichs zu ver­hin­dern.

Im Schmelztiegel der Interessen

Der diplo­ma­ti­sche Austausch in Moskau 2016 ver­deut­lich­te den mul­ti­la­te­ra­len Ansatz rus­si­scher Bemühungen und konn­te als Zeichen gewer­tet wer­den, dass die Kreml-Autoritäten die Fehler der jün­ge­ren und jüng­sten Vergangenheit nicht zu wie­der­ho­len gedach­ten. Bilaterale Alleingänge soll­ten, wenn mög­lich ver­mie­den wer­den. Sah sich die Sowjetunion in den 1980er Jahren in Bezug auf ihren Afghanistaneinsatz weit­ge­hend iso­liert, hol­te Russland im Konferenzjahr 2016 vie­le afgha­ni­sche Anrainerstaaten an den Beratungstisch. Neben Teilnehmern aus Pakistan, dem Iran und China wur­den die Gespräche im Februar 2017 um die zen­tral­asia­ti­schen ehe­ma­li­gen Sowjetrepubliken ergänzt. Aufgrund des gemein­sa­men Aktionsraums ver­bin­det sie ein Ziel: ein Afghanistan, wel­ches nicht zwangs­läu­fig sta­bil, aber kal­ku­lier­bar sein soll.

Pakistan, spä­te­stens seit sei­ner Gründung im Jahre 1947 der gros­se Antagonist der afgha­ni­schen Zentralregierung, ver­sucht stär­ker denn je eine Position zu fin­den, die das Land nicht zwi­schen den Ambitionen Indiens und Chinas auf­reibt. Der Iran unter­streicht sei­nen Anspruch in der Region u.a. durch die Entsendung von para­mi­li­tä­ri­schen Truppen und Waffen – in den Libanon, nach Syrien aber auch nach Afghanistan. Die Volksrepublik China, einst ideo­lo­gi­scher Widerpart Moskaus, ver­sucht sei­nen wirt­schaft­li­chen Einfluss über den Wachankorridor nach Afghanistan hin­ein zu unter­mau­ern. Die ein­sti­gen Gegner sind heu­te am Verhandlungsprozess in Moskau betei­ligt. Der Einladung nicht fol­gend, ver­wei­ger­ten die USA ihre Teilnahme und insze­nie­ren seit Sommer 2018 einen eige­nen Dialog in Doha. Nicht erst seit der Carter-Doktrin von 1980 und jener in ihr ver­brief­ten Sonderrolle des Nahen und Mittleren Ostens, gilt die Region bis nach Afghanistan hin­ein als für die USA sicher­heits­po­li­tisch rele­vant. Vorwürfe ein­sei­ti­ger Verhandlungen in Richtung der Taliban ste­hen im Raum, erschei­nen den­noch nicht unbe­grün­det und decken sich par­ti­ell mit rus­si­schen Interessen.

Aus Sicht der Kremladministration ver­fol­gen die Taliban das pri­mär regio­nal aus­ge­rich­te­te Konzept einer Konsolidierung, wohin­ge­gen der gleich­sam auf afgha­ni­schem Territorium agie­ren­de Islamische Staat (IS) das Prinzip eines glo­ba­len Terrornetzwerkes ver­folgt. Auch für die USA ist der IS eine sicher­heits­po­li­tisch gese­hen grös­se­re Gefahr als die Taliban, da erste­rer schwe­rer zu kal­ku­lie­ren sei. Der IS hat das Potential, die rus­si­schen Einflussgebiete in Zentralasien und den wei­ter­hin fra­gi­len Kaukasus zu desta­bi­li­sie­ren, wie er gleich­zei­tig die Einflusssphäre der USA im Auge hat. Die Taliban hin­ge­gen agie­ren mitt­ler­wei­le regio­nal begrenzt – trotz einer blu­ti­gen Anschlagsserie im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2019 erschei­nen sie dem Kreml wie auch Washington als beherrsch­ba­rer. Für Washington sind die Taliban der unmit­tel­ba­re Ansprechpartner in Afghanistan, steht die US-Administration doch mit dem Rücken zur Wand. Zum einen steigt in der US-ame­ri­ka­ni­schen Gesellschaft die Kriegsmüdigkeit, zum ande­ren belau­fen sich die Kosten des Einsatzes bis heu­te auf rund 900 Milliarden US-Dollar. 2.346 US-Soldaten wur­den zwi­schen Oktober 2001 und Dezember 2017 getö­tet. Die Verluste der pri­va­ten Eingreiftruppen sind aus guten Gründen unge­nau und kaum greif­bar, die Verlustzahlen der afgha­ni­schen Regierungstruppen sowie jene der Zivilbevölkerung sind als weit höher ein­zu­schät­zen.

Soll der Konflikt gelöst und wie geplant eine wei­te­re Reduzierung der US-ame­ri­ka­ni­schen Truppen voll­zo­gen wer­den, müs­sen die Taliban als Gegner geschwächt, doch als Verhandlungspartner auf­ge­wer­tet und so in die afgha­ni­sche Regierung ein­ge­bun­den wer­den, dass sie für und nicht gegen die Interessen des Landes agie­ren. Hier decken sich die grund­sätz­li­chen Ambitionen der Konferenzen in Doha und Moskau. Im aktu­el­len Bemühen, eine trag­ba­re Lösung zu errei­chen, ist Russland den USA einen Schritt vor­aus. Die Moskauer Gespräche im Februar 2019 sind um eine Taliban-Delegation erwei­tert und durch afgha­ni­sche Vertreter kom­plet­tiert wor­den. Die Runde in Moskau bet­tet das Ziel eines kal­ku­lier­ba­ren Afghanistans zusätz­lich in einen über­ge­ord­ne­ten geo­stra­te­gi­schen Rahmen. Die mei­sten Teilnehmer sind gleich­zei­tig Mitglieder der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Turkmenistan ist Dialogpartner, der Iran und Afghanistan ver­wei­len zur­zeit im Status von Beobachtern.

Rivalitäten gibt es natür­lich, doch haben sich ihre Ursachen ver­än­dert. An Stelle der alten ideo­lo­gi­schen Grenzen sind Disparitäten um den vor­ran­gig wirt­schaft­li­chen Einfluss getre­ten. Die gewal­ti­gen Investitionsmittel Chinas ste­hen in unmit­tel­ba­rer Konkurrenz zum histo­ri­schen Einfluss Russlands in den zen­tral­asia­ti­schen Staaten. Pakistan und Indien ste­hen sich im schwe­len­den Kaschmir-Konflikt als Gegner gegen­über. Die indi­sche Regierung kon­fron­tiert Pakistan mit Vorwürfen, wel­che Beobachtern der Region ein Déjà-vu-Erlebnis gera­de­zu auf­zwingt – Pakistan wür­de isla­mi­sti­schen Kämpfern Ausbildungscamps wie zusätz­lich poli­ti­schen Spielraum ein­räu­men, wel­chen die­se für Terrorakte gegen das indi­sche Hoheitsgebiet und die dor­ti­ge Bevölkerung aus­nüt­zen wür­den. Diese Entwicklungen, wel­che an das diplo­ma­ti­sche Säbelrasseln der 1980er Jahre erin­nert, ver­deut­li­chen, dass die­ses neue ‚Great Game´ um Einfluss in der Region nicht ein­fa­cher gewor­den ist. Islamabads Rolle im Konflikt mit dem Nachbarstaat Afghanistan ist und bleibt eine Frage der Geostrategie – im Bestreben, eine von Paschtunen domi­nier­te und somit indi­en­freund­li­che Regierung in Kabul zu ver­hin­dern, soll einer Einkreisung Pakistans ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den.

Regionale Netzwerke

Die aktu­el­le Stossrichtung der ehe­ma­li­gen Supermächte in Afghanistan liegt in der Erkenntnis begrün­det, dass die Probleme das Landes regio­na­ler Natur sind. Die Taliban fin­den in den Siedlungsgebieten der Paschtunen nach wie vor Rückhalt – ein Gebiet, wel­ches durch den Kolonialismus geprägt und im soge­nann­ten Paschtunengürtel, die Grenzen über­grei­fend, zwi­schen Afghanistan und Pakistan gele­gen ist. Putin spielt somit auch eine eth­ni­sche Karte, wenn er zum Dialog mit den Taliban ansetzt.

Die im Februar 2019 initi­ier­te Folgekonferenz fand unter der Führung des ehe­ma­li­gen afgha­ni­schen Präsidenten und Paschtunen Hamid Karsai statt. Auch wenn die aktu­el­le Regierung Abdullah Abdullahs nicht ein­ge­la­den war und zu Recht von einem Affront sprach, ver­such­te die Moskauer Konferenz einen Brückenschlag – Moskau liess Kabul über die Ergebnisse Bericht erstat­ten, band pasch­tu­ni­sche Interessen und trat für eine inner­af­gha­ni­sche Verhandlungslösung ein. Der rus­si­sche Schachzug, die zen­tral­asia­ti­schen Republiken in der unmit­tel­ba­ren Peripherie in den Prozess zu inte­grie­ren, zeig­te Früchte – der usbe­ki­sche Aussenminister Abdulaziz Komilov rei­ste als inti­mer Kenner des Nahen Ostens nach Doha und sicher­te dem Chefunterhändler der Taliban Investitionen in die afgha­ni­sche Wirtschaft zu. Um Kabul nicht gänz­lich zu ver­prel­len, leg­te Kamilov einen Zwischenstopp in der afgha­ni­schen Hauptstadt ein – der Chefdiplomat unter­brei­te­te der Abdullah-Regierung ganz ähn­li­che Angebote.

Die regio­na­len Sicherheitsanliegen brach­te der usbe­ki­sche Präsident Shavkat Mirziyaev im März 2019 auf den Punkt: „Ein siche­res Afghanistan bedeu­tet ein siche­res Usbekistan, ein wohl­ha­ben­des und sta­bi­les Zentralasien.“ Ökonomisch kön­nen die bei­den zen­tral­asia­ti­schen Staaten nur pro­fi­tie­ren – mit Blick auf die Wiederbelebung der histo­ri­schen Seidenstrasse sind die Verkehrs- und Energieinfrastruktur loh­nen­de Projektierungen. Moskau und Taschkent sind aus­sen- und wirt­schafts­po­li­tisch auf das Engste ver­bun­den und Russland sichert sich so eine tra­di­tio­nell ver­an­ker­te Landbrücke an die afgha­ni­sche Grenze.

Einen Fuss in Afghanistan

Aus Sicht Moskaus scheint der ein­ge­schla­ge­ne Weg viel­ver­spre­chend. Sollte das anvi­sier­te Ziel eines voll­stän­di­gen Rückzugs aus­län­di­scher Kräfte aus Afghanistan erreicht wer­den, wür­de dies zum einen den Vorbedingungen der Taliban ent­spre­chen, wie ande­rer­seits den rus­si­schen Interessen Vorschub lei­sten, in Afghanistan an alte Netzwerke anzu­knüp­fen. Russland weiss sich hier­bei Afghanistan aus zwei Richtungen anzu­nä­hern. Auf der einen Seite sind es die nach wie vor akti­ven wirt­schaft­li­chen Verbindungen, durch wel­che Afghanistan schon vor der sowje­ti­schen Intervention stark in den Wirtschaftsraum der UdSSR und sei­ner zen­tral­asia­ti­schen Sowjetrepubliken ein­ge­bun­den war.

Am Beispiel fos­si­ler Brennstoffe zeigt sich zwar deut­lich, wie schwer es damals war und noch heu­te ist, zwi­schen rus­si­schem Eigennutz in der Ausbeutung der afgha­ni­schen Ressourcen und den (Wieder-)Aufbauleistungen für den süd­li­chen Nachbarstaat zu unter­schei­den, doch basiert mitt­ler­wei­le der Ruf der Russen nicht mehr aus­schliess­lich auf der als nega­tiv wahr­ge­nom­me­nen mili­tä­ri­schen Intervention der Vergangenheit. Ohne die Hilfe vor­mals sowje­ti­scher Gelder und Spezialisten wäre eine Exploration der nord­af­gha­ni­schen Lagerstätten in den 1970er Jahren nicht mög­lich gewe­sen, wor­auf­hin der Export der Rohstoffe ein Drittel des afgha­ni­schen Staatshaushaltes absi­cher­te. Noch heu­te trau­ern vie­le Afghanen den gefühlt gol­de­nen 1960er und frü­hen 1970er Jahren nach. Einige ehe­mals Privilegierte kön­nen auch der sowje­ti­schen Besatzungszeit etwas Gutes abge­win­nen – aus Sicht Moskaus sind dies opti­mi­sti­sche Grundvoraussetzungen, auf wel­che das rus­si­sche Engagement im Wiederaufbau und in der Instandsetzung der wirt­schaft­li­chen Infrastruktur auf­zu­bau­en gedenkt.

Heute zei­gen Studien, dass die Gasreserven an der turk­me­ni­schen Grenze von sowje­ti­schen Spezialisten als zu gering ein­ge­schätzt wur­den. Für die Erdölvorkommen zeich­net sich ein ähn­li­ches Bild ab – aktu­el­le Erhebungen gehen von beträcht­li­chen Reserven in den Regionen Herat, Helmand und Paktia aus. Neben der Instandsetzung und Ausweitung der Förderkapazitäten liegt das Hauptproblem jedoch dar­in, die­se Rohstoffe auf den Weltmarkt zu brin­gen. Afghanistan ist als Binnenland abhän­gig von einer intak­ten und kon­ti­nu­ier­lich nutz­ba­ren Transportinfrastruktur – eine Absicherung, wel­che über die Achse Afghanistan-Turkmenistan-Russland bzw. über Pakistan nach Indien mög­lich erscheint.

Tatsächlich haben die rus­si­schen Ingenieure und Spezialisten kei­nen schlech­ten Stand unter jenen Teilen der afgha­ni­schen Bevölkerung, die noch heu­te auf die Überbleibsel der sowje­ti­schen Interventionszeit schau­en. Gerade in Kabul gehö­ren die sowje­tisch beein­fluss­ten Wohnviertel (Mikrorajons) zu den prä­gen­den bau­li­chen Eindrücken einer den Stadtraum ver­än­dern­den sowje­ti­schen Moderne. Damals wie heu­te wur­de zwar früh erkannt, dass eine brei­te gesell­schaft­li­che Transformation in Afghanistan aus­sichts­los bleibt, mit dem Fokus auf Bildungsprogramme und einer Konzentration auf die urba­nen Räume, ent­wickelt sich den­noch eine klei­ne moder­ne Elite.

Daher erstaunt es nicht, dass das rus­si­sche Aussenministerium Kabul 2017 mit alt­be­kann­ten Verlautbarungen auf­wer­te­te: Moskau wür­de in der afgha­ni­schen Hauptstadt einen Ort sehen, an wel­chem eine natio­na­le Versöhnung ange­strebt, Aufarbeitung betrie­ben und ein fried­li­ches Leben bewerk­stel­ligt wer­den kön­ne. Neben umfäng­li­chen finan­zi­el­len Zuwendungen für die Polytechnische Hochschule in Kabul oder der Lieferung von Ersatzteilen für vor­mals von der UdSSR errich­te­te Wasserkraftwerke inve­stiert Russland wei­ter­hin in den Kulturtransfer.

Nur einen Steinwurf von der Russischen Botschaft ent­fernt: Das Russische Zentrum der Wissenschaft und Kultur an der Darulaman Strasse.

Russland ver­sucht beson­ders in die urba­nen Zentren Afghanistans hin­ein­zu­wir­ken. Auf der Suche nach einem aus­drucks­star­ken Symbol rus­si­schen Einflusses in Afghanistan erwog Russland den Wiederaufbau des im afgha­ni­schen Bürgerkrieg der 1990er Jahre zer­schos­se­ne „Haus der sowje­ti­schen Wissenschaft und Kultur“ in Kabul, ent­schied sich aber aus Kostengründen für einen moder­nen Neubau. Auf einem mehr als zwei Hektar gros­sen Areal wen­den sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des nun Russischen Zentrums der Wissenschaft und Kultur mit einem wohl­ver­trau­ten Programm an die Bevölkerung der Hauptstadt. Vergleichbar zu den Bestrebungen der inter­na­tio­nal akti­ven Kultur-Stiftung ‚Russkij Mir´ ste­hen Kursräume für Russischklassen zur Verfügung, eine Sporthalle sowie Säle für Filmvorführungen und Ausstellungen.

Russische Zeitungen, wie die Izvestija, geben recht ein­deu­tig zu ver­ste­hen, dass die Arbeit des Zentrums auch auf Schwierigkeiten stos­se; ver­wun­dern darf dies nicht, ist doch das rus­si­sche Erbe wei­ter­hin mehr als umstrit­ten. Ein akti­ves Eingreifen in die afgha­ni­schen Geschicke bleibt Russland durch die eige­ne Geschichte ver­wehrt. In Kabul wird vor­erst eine rus­si­sche Politik der Gesten und Rituale sicht­bar – auf dem Gelände des Kulturzentrums wur­de ein Gedenkstein für die sowje­ti­schen und afgha­ni­schen Soldaten ein­ge­weiht, „die ihr Leben für Frieden und Sicherheit in Afghanistan gege­ben hät­ten“. Verbunden mit der seit mehr als zehn Jahren popu­lä­ren Tradition des ‚unsterb­li­chen Regiments´ wird so an eine dezi­diert rus­si­sche Art der Erinnerungskultur ange­knüpft. Fern der diplo­ma­ti­schen Grabenkämpfe in Moskau und Doha und fern des wei­ter­hin statt­fin­den­den Tötens im Land, wehen Sankt-Georgs-Bänder im Wind, Portraits von Familienangehörigen wer­den gezeigt und Kränze nie­der­ge­legt.

Russland bedient sich der alten sowje­ti­schen Muster einer wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Beeinflussung. Nach Jahren einer US-ame­ri­ka­ni­schen Dominanz ver­spricht die­se Vorgehensweise begrenz­te Erfolge. Jene Afghanen jedoch, wel­che aktu­ell die Sprachkurse besu­chen, fra­gen nicht nach Puschkin oder Lermontow, sie fra­gen nach einer beruf­li­chen Zukunft nörd­lich der eige­nen Landesgrenzen.

Zum Autor

Markus Mirschel ist Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Sowjetisch-Afghanische Beziehungsgeschichte gehört zu sei­nen Forschungsschwerpunkten.

Kontakt: Markus.Mirschel@hu-berlin.de

Weiterführende Literatur:

Dossier “Afghanistan-Krieg: 30 Jahre Truppenabzug” in: Dekoder

Braithwaite, Rodric: Afgantsy. The Russians in Afghanistan 1979–89, Oxford 2011

Crews, Robert D.: Afghan modern. The History of a Global Nation, Cambridge 2015

Robinson, Paul; Dixon Jay: Aiding Afghanistan. A History of Soviet Assistance to a Developing Country, London 2013