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40 Jahre vor HBOs „Chernobyl“: Ein vergessener sowjetischer Film zur nuklearen Gefahr

Das Abendessen im Kreis der Familie war­tet, als Sarkis Akopowitsch Madoian einen Anruf erhält. Was er erfährt, ver­setzt ihn in gros­se Eile: Der Mann im besten Alter schwingt sich in sei­nen schwe­ren Mantel und ist im Begriff, über­stürzt die Wohnung zu ver­las­sen. Auf die Frage sei­ner Frau, was gesche­hen sei, ant­wor­tet Madoian so knapp wie bedeu­tungs­schwer: «Unfall».

Unfälle sind sel­ten will­kom­men, doch in Madoians Beruf sind sie es noch viel weni­ger: Er ist der Direktor des «Nördlichen Atomkraftwerks» in der sowje­ti­schen Arktis. Ein Defekt hat dort ein Loch in den soge­nann­ten tech­no­lo­gi­schen Kanal geris­sen, aus dem nun radio­ak­ti­ve Strahlung aus­tritt. Glücklicherweise sind Madoian, sein Atomkraftwerk und der Unfall aber fik­tiv – sie figu­rie­ren im Film «Untersuchungskommission» (Komissiia po rass­le­do­va­niiu) von Vladimir Bortko aus dem Jahre 1978. Wie ein genau­er Blick auf die Hintergründe der Produktion offen­bart, hat­te Madoians Unglück aber mehr mit der Realität zu tun, als man zunächst ver­mu­ten wür­de. Mit gros­ser Wahrscheinlichkeit bezog sich «Untersuchungskommission» auf einen Reaktorunfall, der sich 1975 in Leningrad zuge­tra­gen hat­te.

Die sowje­ti­sche Atomindustrie erhält in den ver­gan­ge­nen Wochen und Monaten viel Aufmerksamkeit. Der Grund ist die viel­be­spro­che­ne und viel­ge­lob­te HBO-Serie «Chernobyl». Im Gegensatz zu «Untersuchungskommission» dreht sie sich um die Explosion des vier­ten Reaktorblocks im ukrai­ni­schen Kraftwerk und damit um eine rea­le nuklea­re Katastrophe. Zweifellos füllt die Serie zum Unglück von 1986 ein «nar­ra­ti­ves Vakuum», wie Masha Gessen in der Zeitschrift New Yorker betont. Dies ist begrüs­sens­wert, stellt «Chernobyl» doch – von eini­gen stö­ren­den Ungenauigkeiten abge­se­hen – einen gelun­ge­nen Versuch dar, den nuklea­ren Albtraum histo­risch kor­rekt und detail­ge­treu zu erzäh­len.

Eine der erwähn­ten Ungenauigkeiten des HBO-Hits betrifft die Vertuschung von Reaktorrisiken in der UdSSR vor dem Super-GAU. Wiederholt wird in «Chernobyl» betont, dass der ver­un­glück­te Reaktortyp – «RBMK» genannt – bis 1986 als sicher gegol­ten habe und der KGB wider­spre­chen­de Aussagen unter den Teppich kehr­te. Der Film «Untersuchungskommission» bil­det einen Kontrast zur von «Chernobyl» popu­la­ri­sier­ten Vorstellung, dass im sowje­ti­schen Spätsozialismus kei­ner­lei Thematisierung nuklea­rer Risiken mög­lich war.

Denkbares und Sagbares

Sirenengeheul, Männer in weis­sen Schutzanzügen, die gespen­sti­sche Sterilität des Kernkraftwerks. Dann ein Bildschirm, auf dem das Innere des Reaktors zu sehen ist: Ein gros­ses Leck hat den tech­no­lo­gi­schen Kanal auf­ge­ris­sen. Die Darstellung des Unfalls in «Untersuchungskommission» ist kurz, ver­fehlt aber ihren furcht­ein­flös­sen­den Effekt nicht. Sehr bald wer­den jedoch die Bilder vom fehl­ba­ren Reaktor durch den etwas bie­de­ren und weit­aus weni­ger furcht­ein­flös­sen­den Sitzungsraum der Untersuchungskommission abge­löst. Diese titel­bil­den­de Gruppe von Funktionären und Spezialisten, zur Klärung und Behebung des Unfalls ein­ge­setzt, bestimmt den Film fort­an.

Kraftwerkdirektor Madoian und Chefingenieur Zajtsev im ver­un­fall­ten Reaktor (Film-Still aus „Untersuchungskommission“)

«Untersuchungskommission» ist ein bemer­kens­wer­ter Film. Er ist dies weni­ger auf­grund sei­ner cine­asti­schen Finesse, die sich durch­aus in Grenzen hält. Vielmehr über­rascht, dass Bortkos Produktion mit gän­gi­gen sowje­ti­schen Erzählmustern bricht. Diese wer­den im Verlauf des Films immer deut­li­cher infra­ge gestellt: Ist es zunächst der Chefingenieur Zajtsev, der im Verdacht steht, für den Unfall ver­ant­wort­lich zu sein, ent­decken die Mitglieder der Untersuchungskommission bald grund­le­gen­de Mängel am Reaktor. Fehler in Konstruktionsberechnungen hat­ten mass­geb­lich zum Unfall bei­getra­gen. Damit ver­schiebt sich die Schuld zumin­dest teil­wei­se weg vom feh­ler­haf­ten Individuum Zajtsev hin zu Defiziten, die nicht mehr allein mit den Unvollkommenheiten ein­zel­ner Menschen erklärt wer­den kön­nen. Der Unfall wird zum Ausdruck syste­mi­scher Probleme.

Mit der Ent-Individualisierung des Scheiterns begibt sich der Film auf eine Gratwanderung. Probleme wie Korruption, Gewalt und tech­ni­sche Mängel konn­ten auch in der Sowjetunion ange­spro­chen wer­den. Dies war vor allem dann mög­lich, wenn ein­zel­ne Funktionäre in der Figur des ‘drecki­gen Apparatschiks’ als Schuldige dar­ge­stellt wur­den – ein Topos, auf den inter­es­san­ter­wei­se auch die Drehbuchautoren von «Chernobyl» wie­der­holt zurück­grei­fen. Legte eine Erzählung aber nahe, dass die UdSSR an tie­fer­lie­gen­den Mängeln litt, die über das Fehlverhalten ein­zel­ner Personen hin­aus­gin­gen, konn­te dies zu Zensur und Sanktionierung füh­ren. «Untersuchungskommission» spielt wage­mu­tig mit die­ser Grenze, indem das Szenario Zajtsev zwar eine Teilschuld zuweist, aber mit den Berechnungsfehlern auch eine zwei­te, grund­sätz­li­che­re Problematik andeu­tet.

Ein Grund für die­sen erzäh­le­ri­schen Spagat könn­te ein rea­ler Hintergrund sein, auf den der Film mit gros­ser Wahrscheinlichkeit anspiel­te.

Zwei illustre Berater

An der Entstehung von »Untersuchungskommission« wirk­ten Akteure aus dem Inneren der sowje­ti­schen Atomindustrie mit. Mit Aleksandr Meshkov und Anatolii Eperin hin­ter­lies­sen zwei pro­fi­lier­te Atom-Funktionäre ihre Spuren im Film. Eperin war von 1971 bis 1983 Chefingenieur des Kernkraftwerks Leningrad, wo sich am 30. November 1975 ein Unfall ereig­ne­te. Aufgrund eines Materialfehlers barst im ersten Reaktorblock ein tech­no­lo­gi­scher Kanal. Einen Monat lang trat radio­ak­ti­ve Strahlung aus, zwi­schen 137.000 und 1,5 Millionen Curie radio­ak­ti­ve Strahlung (5069 bezie­hungs­wei­se 55.500 Gigabecquerel) gelang­ten in die Atmosphäre. Dass eine Kontamination weit­räu­mi­ger Gebiete aus­blieb, war ein­zig dem Zufall zu ver­dan­ken; der Vorfall wur­de der Öffentlichkeit und selbst den unmit­tel­ba­ren Anwohnern des Kraftwerks bis 1990 ver­heim­licht.

Beim Leningrader Atomreaktor han­del­te es sich um den ersten RBMK-Reaktor des Landes. In »Untersuchungskommission« war im Nördlichen Atomkraftwerk eben­falls ein RBMK ver­baut und der im Film ver­han­del­te Unfall war iden­tisch mit dem­je­ni­gen, der sich in Leningrad tat­säch­lich ereig­net hat­te. Eine bewuss­te Anspielung auf das Ereignis von 1975 lässt sich anhand die­ser Indizien nicht abschlie­ßend bele­gen, doch sind die Parallelen frap­pant. Zumindest Anatolii Eperin muss­ten die Analogien zwi­schen dem Spielfilm und dem Unglück in Leningrad bekannt gewe­sen sein – schließ­lich war er in Letzteres als Chefingenieur invol­viert gewe­sen.

Aleksandr Meshkov, der zwei­te Berater von »Untersuchungskommission«, war eben­falls mit den im Film geschil­der­ten Katastrophenszenarien ver­bun­den. Er war er ein ent­schei­den­der Akteur beim Bau des Kernkraftwerks Leningrad und erhielt dafür 1983 den Orden »Sichel und Hammer«. Rund zehn Jahre nach den Dreharbeiten wur­de für Meshkov das Drehbuch von »Untersuchungskommission« zur tra­gi­schen Realität: Nach der Explosion des vier­ten RBMK-Reaktorblocks in Chernobyl war er Mitglied der Untersuchungskommission, die nach den Ursachen der Katastrophe fahn­de­te.

Alles unter Kontrolle im Kontrollraum (Film-Still aus „Untersuchungskommission“).

Der verwaltbare Unfall

Wie konn­te die fil­mi­sche Darstellung eines Atomunfalls, der einen rea­len Hintergrund hat­te, im stol­zen Nuklearstaat Sowjetunion über­haupt zur Veröffentlichung kom­men?

Dass «Untersuchungskommission» nicht an den Klippen der sowje­ti­schen Zensur zer­schell­te, lag mit gros­ser Wahrscheinlichkeit an sei­ner opti­mi­sti­schen Ausdeutung des Katastrophenfalls. Dem Homo Sapiens ent­glei­tet in «Untersuchungskommission» die Kontrolle über den Reaktor zu kei­nem Zeitpunkt voll­stän­dig. Der Kontrollraum als zen­tra­ler Ort des Films ver­deut­licht dies. Er ist die Arena, in der der Mensch sein Ringen um die Stabilität des nuklea­ren Hochrisikosystems aus­trägt. Der Kontrollraum des «Nördlichen Atomkraftwerks» ver­mit­telt den Zuschauern Stabilität, Ruhe und die namens­ge­ben­de Kontrolle. In «Untersuchungskommission» herr­schen die Menschen wei­ter­hin über die Kernkräfte und unter­wer­fen sich nicht dem Chaos des Unfalls. Die Angestellten spre­chen ruhig und bedacht, sie über­blicken das Leuchten, Klingeln und Blinken der Signale auch im Ausnahmezustand rou­ti­niert. Der Kontrollraum ver­mit­telt Kontrolle.

Auch in der Serie «Chernobyl» ist der Kontrollraum ein zen­tra­ler Ort. Im Gegensatz zu «Untersuchungskommission» prägt dort aber nicht die Erhaltung der Kontrolle, son­dern deren voll­kom­me­ner Verlust die Erzählung. Die Panik der Kraftwerk-Ingenieure steht in «Chernobyl» in star­kem Kontrast zur Architektur des Kontrollraums, die Übersicht und Klarheit sug­ge­riert.

Ein wei­te­res wie­der­keh­ren­des Element von «Untersuchungskommission» ist die ein­sa­me ark­ti­sche Natur, wie sie im Titelbild die­ses Beitrags zu sehen ist. Wohl nicht zufäl­lig ent­schie­den sich die Produzenten, im Atomkraftwerk Kola zu dre­hen: Es befin­det sich im äus­ser­sten Nordwesten der Sowjetunion und eig­net sich bestens dafür, die Abgeschiedenheit der Geschehnisse zu beto­nen. Die ark­ti­sche Landschaft scheint men­schen­leer und wirkt auf den durch­schnitt­li­chen sowje­ti­schen Zuschauer fremd. Das macht den Atomunfall abstrak­ter und ent­fern­ter. Hätte Bortko den Film in einem der zahl­rei­chen Atomkraftwerke gedreht, die sich in dicht besie­del­ten Gebieten der UdSSR befan­den, hät­te dies eine weit­aus unmit­tel­ba­re­re Gefahrenstimmung erzeugt.

Eine ambivalente Botschaft

Bei «Untersuchungskommission» han­delt es sich um kei­nen Katastrophenfilm. Menschen gera­ten nicht in Panik, nie­mand wird strah­len­krank, kein Regierungsvertreter ver­liert die Nerven. Der Unfall wird erfolg­reich ver­wal­tet und gezähmt. Der Film ver­mit­telt den Optimismus, dass mensch­li­ches Handeln die Risiken der Atomenergie auf ein erträg­li­ches Minimum redu­zie­ren kann. Die Aussage von «Untersuchungskommission» ist des­halb ambi­va­lent. Bortkos Produktion spricht zwar zum einen die nuklea­re Gefahr offen an, lie­fert aber im sel­ben Zuge aber auch die Beruhigungspille mit: Atomunfälle kön­nen sich ereig­nen, sind aber beherrsch­bar. Eine Behauptung des nuklea­ren Zeitalters, die sich vor und nach Bortkos Film wie­der­holt als Lebenslüge her­aus­stell­te.

Titelbild: Der Schriftzug AES (AKW) prangt in der ein­sa­men ark­ti­schen Landschaft (Film-Still aus „Untersuchungskommission“).