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Mit oder ohne Stalin? Erinnerung an einen vergessenen Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg

«In Russland herrscht Stalin-Nostalgie». Nachrichten über eine vom Kreml gelei­te­te Geschichtspolitik domi­nie­ren die Darstellung der rus­si­schen Erinnerungslandschaft in west­eu­ro­päi­schen Medien. Die Geschichte vom «Park des Sieges» in Lodejnoe Pole zeigt, dass Kriegsgedenken weder in der Sowjetunion noch heu­te ein­sei­tig oder voll­stän­dig staat­lich gelenkt war.

Eine Strasse über das Eis des Ladogasees ret­te­te vie­len Menschen in Leningrad, dem heu­ti­gen St. Petersburg, wäh­rend des Deutsch-Sowjetischen Krieges (1941–1945) das Leben. Diese «Strasse des Lebens» (Doroga žiz­ni) bezeich­net eine Lücke im Belagerungsring um Leningrad, durch die das Staatliche Verteidigungskomitee rund 600 000 Menschen eva­ku­ier­te und die Stadt not­dürf­tig mit Lebensmittel ver­sorg­te. Die Oberste Heeresleitung der Wehrmacht hat­te zur voll­stän­di­gen Umzingelung der Stadt mit ihren ver­bün­de­ten fin­ni­schen Truppen einen «Handschlag an der Svir’» ver­ein­bart, zu dem es nie gekom­men ist. Die Svir’ ist ein mäch­ti­ger Fluss, der am nörd­li­chen Ende des Leningrader Gebietes in den Ladogasee führt. In einer Flussbeugung befin­det sich das klei­ne Städtchen Lodejnoe Pole, des­sen Schicksal wäh­rend des Krieges eng mit Leningrad ver­bun­den war.

Schwarz umkreist: Lodejnoe Pole an der Svir’. Am süd­west­li­chen Rand die Metropole St. Petersburg. (Open Streetmap)

Die Svir’ bil­de­te wäh­rend des Deutsch-Sowjetischen Krieges die Frontlinie zwi­schen den mit Deutschland alli­ier­ten fin­ni­schen Truppen am nörd­li­chen und den sowje­ti­schen Verbänden am süd­li­chen Ufer des Flusses. Die «Karelische Front» der Roten Armee hat­te sich am Steilufer ein­ge­gra­ben, bis sie am 21. Juni 1944, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion, die «Svirsker-Petrozavodsker Operation» lan­cier­te. Dieser mili­tä­ri­sche Schlag, der zur Überquerung des Flusses und zum Angriff auf die fin­ni­schen Truppen füh­ren soll­te, ver­lief erfolg­reich, auch weil sich die feind­li­chen Truppen bereits auf dem Rückzug befan­den.

Soldaten als Zeitzeugen und Dokumentaristen

Noch wäh­rend Truppenverbände auf der ande­ren Seite des Flusses Karelien befrei­ten, began­nen die in Lodejnoe Pole sta­tio­nier­ten sowje­ti­schen Soldaten, die Ereignisse an der Svir’ zu ver­ewi­gen: Innerhalb von nur drei Monaten errich­te­ten die Architekten, Künstler und Bildhauer, die als Soldaten in der Karelischen Front gekämpft hat­ten, den «Erinnerungspark ‘Sieg an der Svir’», der im November 1944 eröff­ne­te.

Hier liegt die histo­ri­sche Besonderheit die­ses wahr­schein­lich ersten Freilichtmuseums des Zweiten Weltkrieges: Die Kriegsteilnehmer und Zeitzeugen schu­fen die Erinnerung an ihr Erlebnis selbst; kei­ne zen­tra­le Parteiinstitution gab die Darstellung vor.

Die Projektgruppe der Rotarmisten ver­wan­del­te 30 Hektar Schlachtfeld in einen begeh­ba­ren Raum des Gedenkens, der die Geschehnisse an der Svir’ spie­gel­te und nach­voll­zog. Die Besucherinnen und Besucher betra­ten den Park durch ein Tor und folg­ten einer pla­nier­ten Allee, die zu einem Museum und sie­ben gros­sen Hangars führ­te. Das Museum im Zentrum des Parks glich in sei­ner Form einem Schiff und beton­te damit das orts­spe­zi­fi­sche Gedenken von Lodejnoe Pole: Am Weissmeer-Ostseekanal gele­gen, war der Ort von der Schifffahrt geprägt, und mit Schiffen hat­ten die Rotarmisten die Svir’ über­quert und damit die feind­li­chen fin­ni­schen Truppen aus dem «Grossen Vaterländischen Krieg» gedrängt.

Leiter der Projektgruppe «Svirskaja Pobeda» bei der Museumseröffnung am 7. November 1944 in Lodejnoe Pole.

Nach dem Besuch in dem ‘Museumsschiff’ besich­tig­ten die Gäste des Parks die ver­schie­de­nen Waffengattungen der Roten Armee in den Hangars rund um das Museum. Einer der Kuratoren-Soldaten war der jun­ge Künstler Kirill Kalajda, der in den 1950er Jahren ein berühm­ter Plakatdesigner wur­de. Nach sei­nem Entwurf errich­te­ten die Soldaten ein monu­men­ta­les Denkmal Stalins. Der fünf­ein­halb Meter gros­se Kriegsherr aus Beton wur­de auf einem 12 Meter hohem Postament errich­tet und zeig­te mit aus­ge­streck­tem Arm auf die gegen­über­lie­gen­de Seite des Flusses. Dieser Geste ent­spre­chend nann­ten sie das Denkmal «Befehl» (pri­kaz).

Zwischen Denkmal und Museum hat­ten die Soldaten ihre mili­tä­ri­schen Verteidigungsanlagen für die Besucherinnen und Besucher zugäng­lich gemacht. Sie beto­nier­ten die Wände der gezack­ten Schützengräben, damit ihre Form erhal­ten blieb, und errich­te­ten klei­ne Brücken zum Überqueren der­sel­ben. Die inter­es­sier­ten Gäste konn­ten die Bunker und Gräben betre­ten, wodurch das Kriegserlebnis der Soldaten räum­lich erfahr­bar wur­de.

Diese per­for­ma­ti­ve Dimension des Gedenkens war ein zen­tra­ler Gedanke der Projektgruppe: Geschickt ver­knüpf­ten sie Erholung im Park mit Erinnerungsbildung, die Besucherinnen und Besucher wur­den zu einem akti­ven Bestandteil der Anlage und zu secon­da­ry wit­nesses der Erinnerung, statt die­se allein zu kon­su­mie­ren. Zwischen den neu­ge­pflanz­ten Birken, Fichten und Kiefern, die die «Alleen der Helden» säum­ten, stan­den die Panzerhöcker, die als weiss ange­mal­te ‘Erinnerungssteine’ die Namen und Todesdaten gefal­le­ner Kameraden tru­gen. Am Steilufer der Svir’ stan­den Bänke, die zum Ausruhen und Nachdenken ein­lu­den.

Die beson­de­re Qualität des Erinnerungsparks lag in der Eigeninitiative der Soldaten, die auch die Besucherinnen und Besucher erkann­ten und schätz­ten. Im Sommer 1946 besuch­te ein Paar aus Leningrad das Museum in Lodejnoe Pole und schrieb in das Besucherbuch:

Auch wenn wir unser Museum über die Verteidigung von Leningrad ken­nen, hat die Besichtigung des Museums „Sieg an der Svir’“ einen star­ken Eindruck auf mei­ne Frau und mich hin­ter­las­sen. Dieses Museum ist beson­ders, weil es von Künstlern der Armee gegrün­det wur­de, die selbst am Grossen Vaterländischen Krieg teil­ge­nom­men haben. Deswegen ist sein unge­wöhn­li­cher Wahrheitsgehalt und sei­ne Überzeugungskraft unser erster und gröss­ter Eindruck.

Das Leningrader «Blockademuseum», das die­sen Gästen als Vergleich dien­te, hat­ten Überlebende in der bela­ger­ten Stadt gegrün­det. Auch hier führ­te die direk­te Erinnerung der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu einem für den sowje­ti­schen Kontext bemer­kens­wert hohen Grad an Nähe zu den Erfahrungen der Erlebnisgeneration.

Kriegserinnerung zwischen Repression, Zerfall und Wiederbelebung

Im Kontext des begin­nen­den «Kalten Krieges» war es genau die orts­spe­zi­fi­sche Erinnerung der Erlebnisgeneration, die dem Leningrader Museum und in der Folge auch dem Erinnerungspark in Lodejnoe Pole zum Verhängnis wur­de. Ende der 1940er Jahre lan­cier­te der Leningrader Parteisekretär Andrej Ždanov eine Säuberungswelle in den Kulturinstitutionen, die zur Schliessung der bei­den Museen führ­te. Die trau­ma­ti­sche Erinnerung der Leningraderinnen und Leningrader an ihren Überlebenskampf in der bela­ger­ten Stadt stell­te eine Gefahr für ein patrio­ti­sches und mög­lichst homo­ge­nes Gedenken an die Heldentaten im «Grossen Vaterländischen Krieg» dar.

Das Kraevedčeskij muzej (Regionalwissenschaftliches Museum) in Lodejnoe Pole. (in: Homepage der Museen des Leningrader Gebietes).

Nach sei­ner Schliessung wuchs der sorg­fäl­tig ange­leg­te Erinnerungspark der Karelischen Front lang­sam zu und der Figurengruppe von vor­wärts­stür­men­den Soldaten am Stalindenkmal began­nen die Gliedmassen abzu­fal­len. Mitte der 1950er Jahre, als der neue Generalsekretär der KPdSU Nikita Chruščev die Entstalinisierung zum Programm mach­te, wur­de die Stalinfigur end­gül­tig vom Postament ent­fernt. Der Park, in dem nach dem Abtransport der Militärtechnik und der Schliessung des ‘Museumsschiffs’ nur noch der lee­re Denkmalsockel stand, ver­lor jedoch nicht an Attraktivität. Die Menschen aus Lodejnoe Pole nut­zen den Park wei­ter­hin als Ausflugsziel und hiel­ten die Erinnerung an das loka­le Kriegsgeschehen auf­recht.

1968 führ­te eine Initiative der Bürgerinnen und Bürger von Lodejnoe Pole zur Wiedereröffnung des Museums unter neu­em Namen. Die ästhe­ti­sche Gestaltung des Gebäudes, des­sen Schnitzereien die tra­di­tio­nel­le kare­li­sche Bauweise auf­grif­fen, unter­stütz­te die Verwandlung des mili­tär­hi­sto­ri­schen in ein regio­nal­wis­sen­schaft­li­ches Museum.

Wiederaufbau des Parks – mit oder ohne Stalin?

Als «ein­zig­ar­ti­ges Denkmal» bezeich­ne­te der Gouverneur des Leningrader Gebietes Aleksandr Drozdenko den Erinnerungspark 2017 in sei­nem Youtube-Blog zur Geschichte der Region.

Seit letz­tem Sommer wird die Rekonstruktion des «Erinnerungsparks Sieg an der Svir’» inten­siv dis­ku­tiert. Streit ent­zün­det sich an der Frage, ob mit der Wiederherstellung des Parks auch Stalin wie­der auf sei­nen Sockel gestellt wer­den soll­te. Während die Museumsdirektorin Nina Troševa sich ein­deu­tig für den histo­risch kor­rek­ten Wiederaufbau des gesam­ten Parks, inklu­si­ve Stalindenkmal, aus­spricht, ist der Bürgermeister von Lodejnoe Pole, Ilja Dmitrienko, etwas zöger­li­cher. Er weist auf unter­schied­li­che Wahrnehmungen Stalins in der Bevölkerung hin.

„Kehrt der Führer zurück? Was den Park «Sieg an der Svir’» in Lodejnoe Pole erwar­tet- und war­um Stalin hier ist“ «Neuste Nachrichten» Regionalsender des Leningrader Gebietes, 30. Januar 2019.

Die Diskussion über das Stalindenkmal im Park von Lodejnoe Pole ist beson­ders bri­sant, da sich in den 1930er Jahren am öst­li­chen Rand der Stadt das sowje­ti­sche Straflager «Svir’LAG» befand. Svir’LAG galt als eines der grau­sam­sten Arbeitslager des GULag Systems unter Stalin. Der «Sieg an der Svir’» hat­te die Erinnerung an das Lager ver­drängt – im Regionalwissenschaftlichen Museum erin­nert jedoch eine klei­ne Ausstellung an die unmensch­li­chen Bedingungen, unter denen die Opfer des sta­li­ni­sti­schen Terrors am Ufer der Svir’ leben muss­ten.

Die räum­lich erfahr­ba­re Denkmalanlage «Sieg an der Svir’», die von den Soldaten noch wäh­rend des Krieges errich­tet wur­de, ist zwei­fels­frei ein histo­ri­sches Unikat. Spätere Gedenkstätten grif­fen das Konzept der Soldaten der Karelischen Front, Erinnerung und Erholung mit­ein­an­der zu ver­knüpf­ten, auf.

Mit ihrem Wunsch nach Wiederherstellung ihrer ein­ma­li­gen Parkanlage, haben die Bürgerinnen und Bürger von Lodejnoe Pole, bewusst oder unbe­wusst, die schmerz­li­chen und ver­dräng­ten Erinnerungen an die Kriegs- und Vorkriegszeit in ihrer Region wach­ge­ru­fen.

2024, zum 80. Jahrestag des «Sieges an der Svir’», soll der Park neu­eröff­net wer­den – die Diskussionen in Lodejnoe Pole ste­hen dabei bei­spiel­haft für die wider­sprüch­li­che rus­si­sche Erinnerung an Stalin und den Stalinismus. Die zen­tra­le Frage für vie­le Russinnen und Russen ist dabei: Die Opfer und die Verbrechen der Gewaltherrschaft sind bekannt, doch darf die­ses Wissen die Erinnerung an die Figur, die für natio­na­le Stärke und den Sieg über Nazideutschland steht, ver­hin­dern?

Titelbild: Grundrissplan der Denkmalanlage vom Sommer 1944. Mit herz­li­chem Dank an Elena Porodina und das Team des Zentralmuseums der Streitkräfte der Russländischen Föderation.

 

Weiterführende Literatur:

 

Zur Autorin

In ihrer Dissertation «Zwischen Zeitzeugenschaft und Dokumentation, Die Museen in Moskau, Minsk und Tscheljabinsk, 1941–1956» beschäf­tig­te sich Anne Hasselmann mit der Entstehung der Erinnerung an den Deutsch-Sowjetischen Krieg. Indem sie die MuseumsmitarbeiterInnen als Akteure ins Zentrum stellt, hin­ter­fragt sie dabei das ver­meint­lich homo­ge­ne und staat­lich oktroy­ier­te Gedenken im Stalinismus.

Aktuell koor­di­niert Anne Hasselmann die Forschungsinitiative URIS (Ukrainian Research in Switzerland), die eine nach­hal­ti­ge Vertiefung der Ukraine-Expertise in der Schweiz ver­folgt.