Histoires Continentales
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Zwei Ingenieure und die Kraft der Gezeiten

Windenergie, Solarpanels und Wasserkraft domi­nie­ren den wach­sen­den Markt erneu­er­ba­rer Energien im 21. Jahrhundert. Weitgehend ver­ges­sen scheint hin­ge­gen, dass in den 1960er Jahren eine heu­te kaum bekann­te Form der Energieproduktion heiss dis­ku­tiert wur­de: Die Gezeitenkraft.

Eine welt­weit über­schau­ba­re Szene von Ingenieuren, die bereits seit Jahrzehnten für Ebbe und Flut als zuver­läs­si­ge und uner­schöpf­li­che Energiequelle war­ben, schien mit­ten im Kalten Krieg plötz­lich Gehör zu bekom­men. Die wirt­schaft­li­chen Boomjahre im kapi­ta­li­sti­schen wie im sozia­li­sti­schen Europa mach­ten neue ener­ge­ti­sche Angebote attrak­tiv; inno­va­ti­ve Möglichkeiten zum Ausbau der Stromproduktion waren gesucht.

Die Gezeiten erfolg­ten in regel­mäs­si­gen Abständen und ermög­lich­ten so eine leicht pro­gno­sti­zier­ba­re Stromproduktion. Mit jeder Flut füll­te sich ein Reservoir, das vom Gezeitenkraftwerk abge­sperrt wur­de – ein Speichersee, der sich im Zwölfstundentakt jeweils neu füll­te. Als Ergänzung zu einem bestehen­den Stromnetz brach­ten Gezeitenkraftwerke des­halb beste Voraussetzungen mit.

Bretagne und russische Arktis

Während in Frankreich zwi­schen 1961 und 1966 im bre­to­ni­schen Saint-Malo an der Mündung des Flusses Rance ein lei­stungs­star­kes Gezeitenkraftwerk gebaut wur­de, geschah in der Sowjetunion ähn­li­ches. Dort ent­stand von 1962 bis 1968 das Kraftwerk Kislaja Guba (Bucht Kislaja). Auf der Halbinsel Kola im äus­ser­sten Nordwesten des kom­mu­ni­sti­schen Landes gele­gen, nutz­te es eben­falls die Gezeiten, war aber nur als Forschungskraftwerk ange­legt. Es ver­füg­te also über eine äus­serst gerin­ge Leistung (0.4 MW) und soll­te als Grundlage für zukünf­ti­ge, weit­aus grös­se­re Anlagen die­nen.

Die Sowjets hat­ten Grosses im Sinn: Ging es nach dem Chefingenieur in der Bucht Kislaja, Lev Bernstein, soll­ten der­einst rie­si­ge Gezeitenkraftwerke im Weissen Meer und am Mezen’-Busen in der sowje­ti­schen Arktis den Betrieb auf­neh­men. Der toll­kühn­ste Plan Bernsteins war eine Anlage, die die Halbinsel Kola mit dem Norden der Region Archangel’sk ver­band – es hät­te das Weisse Meer in ein rie­si­ges Bassin für ein 45 Kilometer lan­ges Kraftwerk mit 2000 Turbinen ver­wan­delt. Die Nachwelt kann aus öko­lo­gi­scher Sicht von Glück sagen, dass kei­nes der grös­se­ren Projekte Bernsteins jemals umge­setzt wur­de. Sowohl in Frankreich als auch in der UdSSR blieb es bei den bei­den Anlagen in Saint-Malo und in der Bucht Kislaja.

 

„Hydroaggregat des Gezeitenkraftwerks Rance“, abge­bil­det in einer sowje­ti­schen Zeitschrift 1968 (Bernštejn, Lev: Na bere­gach Murmana i La-Manša, in: Nauka i Žizn’ 11/1962, S. 59–65, hier S. 65).

Tausende Kilometer Luftlinie tren­nen die Bretagne und die Halbinsel Kola von­ein­an­der. Was sie ver­bin­det, ist aber nicht allein der zeit­glei­che Bau der Kraftwerke in Saint-Malo und in der Bucht Kislaja wäh­rend der 1960er Jahre. Die Hauptverantwortlichen der Projekte – Lev Bernstein und sein fran­zö­si­sches Chefingenieur-Pendant Robert Gibrat – stan­den zudem auch in regem Kontakt. Sie schrie­ben sich Briefe, tausch­ten Fotografien ihrer Bauprojekte aus und luden sich gegen­sei­tig zu Konferenzen ein. 1963/1964 über­setz­te der poly­glot­te Bernstein gar Texte des Franzosen ins Russische. Ein gemein­sa­mer ‚Auftritt’ der bei­den Ingenieure war jedoch beson­ders bemer­kens­wert: Eine in Zusammenarbeit gestal­te­te Themenseite erschien in der Literaturnaja gaze­ta am 20. Februar 1960. Bei ihr han­del­te es sich um eine damals drei­mal wöchent­lich erschei­nen­den Moskauer Zeitung mit einer sechs­stel­li­gen Auflage.

Gezeiten- und Wasserkraft vom Atlantik bis Sibirien

Bernsteins Artikel dekla­rier­te die gros­se Vision sei­nes Autors bereits im Titel. Über sei­nem Text prang­te die Überschrift «La Manche – Mezen’ – Ob’». An der Manche, also am Ärmelkanal, soll­ten ein Jahr spä­ter die Bauarbeiten zu Gibrats bre­to­ni­schem Gezeitenkraftwerk begin­nen. Im Mezen’-Busen in der Arktis woll­te Bernstein die erste lei­stungs­star­ke Anlage die­ser Art auf sowje­ti­schem Boden errich­ten. Und am Ob’, einem der was­ser­reich­sten Flüsse Sibiriens, bau­te die Sowjetunion in jener Zeit ein gewal­ti­ges her­kömm­li­ches Wasserkraftwerk. Bernstein schil­der­te in sei­nem Text die Vision, dass sich die­se drei Knotenpunkte der erneu­er­ba­ren Energieproduktion vom Atlantik bis nach Sibirien mit­ein­an­der ver­ein­ten: Ihm schweb­te ein elek­tro­en­er­ge­ti­sches Verbundsystem vor, mit dem sich über die Blockgrenzen des Kalten Krieges fer­ne Räume mit­ein­an­der ver­ban­den.

 

Die zukünf­ti­ge Energieversorgung Europas gemäss den Vorstellungen Gibrats und Bernsteins: Gezeitenkraft ver­bin­det den poli­tisch geteil­ten Raum (Literaturnaja Gazeta, 20. Februar 1960, S. 4).

Der Vision eines so gross­räu­mi­gen, in wei­ten Teilen gezei­ten­be­trie­be­nen Energiesystems lag nicht allein Bernsteins Hang zu tech­ni­schen Träumen zugrun­de. Der Ingenieur woll­te mit die­sem Argument auch eines der grund­le­gen­den Probleme der Gezeitenkraft behe­ben: Der ein­gangs erwähn­te Zwölfstundentakt von Ebbe und Flut bot mit sei­ner Regelmässigkeit nicht nur Vorteile, son­dern barg auch Nachteile. Gezeitenkraftwerke konn­ten nur ent­lang die­ses Rhythmus Strom pro­du­zie­ren, gaben also nicht kon­stant eine gleich­mäs­si­ge Strommenge ab. Für Industrien und Städte, die rund um die Uhr auf einen Grundbedarf an Elektrizität ange­wie­sen waren, stell­te die Gezeitenkraft allein des­halb kei­ne Lösung dar.

Bernsteins Ansatz zur Behebung des Schwankungsproblems war, die Tidenkraft mit der kon­ven­tio­nel­len Wasserkraft ver­bin­den. In sei­nem Artikel von 1960 schrieb er, dass sich die Gezeitenenergie Frankreichs «in einem System mit den Wasserkraftwerken der Schweiz, Schwedens und Norwegens» ver­ei­ni­gen kön­ne. Doch die «har­mo­nisch­ste Lösung der Aufgabe erreicht man mit einem noch brei­te­ren Ansatz». Mit die­sem «noch brei­te­ren Ansatz» mein­te Bernstein die Verbindung von Gezeiten- und Wasserkraft vom Atlantik bis nach Sibirien – ein toll­küh­ner Traum.

 

Vor- und Nachteil zugleich: Das Hin- und Her von Ebbe und Flut (Bernštejn, Lev: Na bere­gach Murmana i La-Manša, in: Nauka i Žizn’ 11/1962, S. 59–65, hier S. 63).

 

Robert Gibrat äus­ser­te sich in sei­nem Artikel, der unmit­tel­bar neben Bernsteins Beitrag in der Literaturnaja gaze­ta erschien, vor­sich­ti­ger. Er bezog sich auf Bernsteins Erläuterungen und pflich­te­te ihm bei, dass die Gezeitenkraft eine inter­na­tio­na­le Frage sei: «Mit Intuition, wahr­lich auf pro­phe­ti­sche Weise, sieht er [Bernstein] in der nahen Zukunft einen Austausch von Energie zwi­schen Frankreich und der UdSSR mit­tels der Nutzung der Energie des Ärmelkanals und der Energie des Weissen Meers (Mezen’-Busen).» Er schloss sei­ne Erläuterungen damit ab, dass es die «Aufgabe der Wissenschaftler und Ingenieure der gan­zen Welt» sei, die «füh­ren­den Organe davon zu über­zeu­gen», dass die Gezeitenkraft eine viel­ver­spre­chen­de Energiequelle sei. Sie sei «in der gan­zen Tiefe ihrer Natur, mehr als jede ande­re Energieform, ein Symbol der Zusammenarbeit und Vereinigung.»

Ebbe, Flut und Tauwetter

Die letzt­lich nie umge­setz­te Vision der bei­den Ingenieure, den euro­päi­schen Energieraum durch Gezeitenkraft zu inte­grie­ren, wur­zel­te tief in ihrem histo­ri­schen Kontext. Dies begann bereits mit den unmit­tel­ba­ren Lebensumständen Lev Bernsteins, der 1947 wegen angeb­li­cher ter­ro­ri­sti­scher Pläne gegen Josef Stalin zu 25 Jahren Lagerhaft ver­ur­teilt wor­den war. Solche will­kür­li­che Anklagen waren für Stalins Herrschaft typisch; Bernstein stritt die Vorwürfe zeit­le­bens vehe­ment ab. Unter Nikita Chruschtschew, der die UdSSR zwi­schen 1953 und 1964 als Generalsekretär der Kommunistischen Partei führ­te, fand eine vor­sich­ti­ge Liberalisierung der sowje­ti­schen Gesellschaft statt. Das GULag-System wur­de 1956 auf­ge­löst, was auch Bernstein befrei­te: Nachdem er seit 1947 zehn Jahre in unter­schied­li­chen Lagern des GULag, unter ande­rem in Noril’sk, har­te kör­per­li­che Arbeit hat­te ver­rich­ten müs­sen, wur­de er 1956 begna­digt und 1957 reha­bi­li­tiert.

Unter Chruschtschews Führung wur­de nicht nur das Lagersystem weit­ge­hend auf­ge­löst, son­dern auch ande­re wich­ti­ge Veränderungen vor­ge­nom­men. So soll­te die Planwirtschaft des Landes fort­an ver­stärkt auf eine Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern und pri­va­ten Wohnungen hin­ar­bei­ten; seit 1956/1957 wur­de zudem Stalins Herrschaft von höch­ster Stelle ver­dammt. Weiterhin an den Schaltstellen der Macht agie­ren­de Personen wie Chruschtschew selbst, die unter Stalin ihren poli­ti­schen Aufstieg erlebt hat­ten, waren jedoch von die­ser Kritik am Stalinimus aus­ge­nom­men. Bereits die­ser Umstand zeigt, dass die vom Schriftsteller Il’ja Erenburg als «Tauwetter» beschrie­be­ne Zeit der vor­sich­ti­gen Öffnung unter Chruschtschew nicht ein­deu­tig in Richtung gesell­schaft­li­che Liberalisierung ging. So schlu­gen sowje­ti­sche Truppen den Ungarischen Volksaufstand 1956 bru­tal nie­der. Die Geschichtswissenschaft beschreibt das «Tauwetter» des­halb auch als «janus­köp­fi­ge Zeit», die wie der römi­sche Gott Janus zwei­er­lei Gesichter auf­wies.

In die­ser Zeit vol­ler Widersprüche zwi­schen Liberalisierung und Repression hat­te sich die Sowjetunion auch in gewis­sem Masse gegen­über dem Westen geöff­net. Die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau 1957 und das Internationale Geophysikalische Jahr 1957–1958 waren zugleich Ausdruck und Katalysatoren die­ser Entwicklung. Der Eiserne Vorhang schien sich etwas zu heben, was Raum für neue Initiativen schuf, die über die Blockgrenzen hin­aus­ar­bei­te­ten.

Gibrat und Bernstein beweg­ten sich in die­sem Kontext. Ihre Vision eines trotz der poli­ti­schen Spaltung ver­ein­ten euro­päi­schen Energieraums war höchst anschluss­fä­hig an Äusserungs- und Denkmuster der spä­ten 1950er und frü­hen 1960er Jahre. Es war eine kur­ze Zeit des Optimismus, die jedoch spä­te­stens mit der Kubakrise 1962 und dem Prager Frühling 1968 wie­der in Ernüchterung umschlug. Diese Ernüchterung traf auch auf die Gezeitenkraft in bei­den Ländern zu: Frankreich been­de­te das Tidenprogramm mit dem Kraftwerk in Saint-Malo. Während Gibrat immer­hin ein lei­stungs­star­kes Kraftwerk rea­li­sie­ren konn­te, schei­ter­te Bernstein fast auf gan­zer Linie. Sein Forschungskraftwerk in der Bucht Kislaja koste­te letzt­lich das Vierfache der ursprüng­lich berech­ne­ten zwei Millionen Rubel. Für die sowje­ti­sche Gezeitenkraft bedeu­te­te dies das frü­he Aus. Andere Formen der Stromproduktion wie kosten­gün­sti­ge ther­mi­sche Kraftwerke auf Kohle- und Erdölbasis sowie die eben­falls in den 1960er Jahren auf­stre­ben­de Atomenergie lie­fen ihr den Rang ab.

Diskriminierung und Ausreiseverbot

Was folg­te auf den Misserfolg an der Bucht Kislaja? Lev Bernstein warb bis zu sei­nem Tod im Jahre 1996 für die Gezeitenkraft und kämpf­te zeit­le­bens dar­um, für Konferenzbesuche ins Ausland rei­sen zu dür­fen. Seine zahl­rei­chen Briefe an Exponenten von Regierung und Partei blie­ben jedoch wir­kungs­los. 1975 rich­te­te er sich ver­bit­tert an den neu­en Generalsekretär der KPdSU Leonid Breschnew und pran­ger­te an:

«Ich kann mich mit der Unausweichlichkeit und Vorbestimmtheit die­ser Situation nicht abfin­den. Sie wider­spricht der ele­men­ta­ren Logik und den Interessen unse­res Landes. Ich wei­se die so sinn­lo­sen wie unschö­nen Argumente von mir, die ich in inof­fi­zi­el­len Gesprächen mit Bezug auf mei­ne Nationalität hören muss­te. Meine gan­ze beruf­li­che Tätigkeit und mein gan­zes Leben waren unse­rem Land gewid­met. Es ist nicht mei­ne Schuld, dass eine bestimm­te Zahl Personen jüdi­scher Nationalität aus der UdSSR aus­ge­reist ist. Es gibt übri­gens auch in ande­ren Nationalitäten sol­che Personen. Und zu guter Letzt: Wenn ich aus der UdSSR aus­rei­sen woll­te, hät­te ich dies getan.»

Bernstein fühl­te sich auf­grund sei­nes jüdi­schen Hintergrunds vom Sowjetregime dis­kri­mi­niert, und dies wohl zu Recht – jüdi­sche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren in der UdSSR in beson­de­rem Ausmasse Ziele staat­li­cher Restriktionen. Ob auf­grund sei­ner jüdi­schen Herkunft oder wegen sei­nes unver­zicht­ba­ren Fachwissens sei dahin­ge­stellt: Bernstein konn­te erst weni­ge Jahre vor sei­nem Tod im Jahre 1996 das Land ver­las­sen. Die Geografie sei­nes Lebens kon­tra­stiert die Ambitionen, die er für einen inter­na­tio­na­len Fluss der Gezeitenenergie heg­te, auf bedau­er­li­che Weise. Doch resul­tier­te die Zusammenarbeit Gibrats mit Bernstein immer­hin in einem mate­ri­el­len Produkt. Im Forschungskraftwerk der Bucht Kislaja wur­de eine fran­zö­si­sche Turbine ver­baut, die jahr­zehn­te­lang sowje­ti­schen Gezeitenstrom ermög­lich­te.

 

Weiterführende Literatur:

Bernshtein, L.: Problem of the uti­li­za­ti­on of tidal ener­gy and the expe­ri­men­tal Kislaya Guba tidal pow­der plant. In: Hydrotechnical Construction 3/1 (1969), pp. 12–18.

Charlier, Roger H./Finkl, Charles W.: Ocean Energy. Tide and Tidal Power. Berlin: Springer 2009.

Glebe, Wolfgang: Ebbe und Flut. Das Naturphänomen der Gezeiten ein­fach erklärt. Bielefeld: Delius Klasing, 2010.

Titelbild:

Aerial view of the tidal bar­ra­ge on the Rance and of Saint Malo (Tswgb, Public Domain).